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Klinikum gegen Kleinkind - Eltern

Goslar/Braunschweig. Das Amtsgericht Goslar muss sich am kommenden Montag mit einem ungewöhnlichen Fall befassen: Darf das Städtische Klinikum Braunschweig gegen den Willen der Eltern einen zweijährigen gehörlosen Jungen zwangsoperieren, um dem Kind eine Hörprothese einzusetzen?

Über den Fall berichtet die Deutsche Gehörlosenzeitung (DGZ) in ihrer aktuellen Ausgabe und fürchtet nun eine "Pforte zum CI-Zwang". CI steht für "Cochlea-Implantat" und bezeichnet ein mehrteiliges Gerät: Das außen am Kopf getragene Mikrofon wird im Schädelknochen verankert; außerdem werden durch einen von den Operateuren ausgefrästen Knochenkanal die Elektroden bis zum Hörnerv geführt. Auch ein sogenannte Signalprozessor muss implantiert werden.

Sie wollten nur ein Attest

Solch eine Operation wollen die Eltern - laut DGZ ist die Mutter ebenfalls gehörlos, der Vater schwerhörig - ihrem Jungen ersparen. An eine Behandlung ihres Kindes hatten sie offenbar nicht im Entferntesten gedacht, als sie mit ihm in der HNO-Klinik in Braunschweig vorstellig wurden: Die Ärzte sollten lediglich die Taubheit des Jungen attestieren - für die Anmeldung in einer Kinderkrippe sei diese Bescheinigung nötig.

Doch die Mediziner wollten nicht nur attestieren, sondern auch operieren. Als die Eltern ihren Rat zurückweisen, die Gehörprothese einsetzen zu lassen und eine Einladung zu einem weiteren Gespräch ablehnen, ließ das Klinikum laut DGZ über eine Anwaltskanzlei das Jugendamt einschalten.

Jugendamt teilt Argumentation

Begründung: Die Eltern gefährdeten das Kindeswohl ihres Sohnes. Der zuständige Behördenmitarbeiter scheint dieser Argumentation aufgeschlossen: Ohne Implantat drohe dem Jungen in seinem Leben eine "erhebliche nachhaltige und schwerwiegende Schädigung".

Die Mutter sieht das anders: Auch Gehörlose könnten "im Leben vieles erreichen", zitiert die DGZ die Frau. Außerdem verweist sie auf die Risiken der Operation: Die Chirurgen müssten in unmittelbarer Nähe des Gesichts- und Geschmacksnervs arbeiten. Außerdem steige das Risiko von Hirnhaut-Entzündungen, da bei Kindern während der Operation die Hirnhaut teilweise freigelegt wird.